Es ist der 24. Dezember 2094 - Eine Weihnachtsgeschichte
Es ist der 24. Dezember 2094. Über der Megalopolis „Neo-Berlin“ spannt sich kein dunkler Winterhimmel, sondern ein flimmerndes Netz aus Energiefeldern und holografischen Werbebannern, die künstlichen Schnee in 8K-Auflösung auf die Straßenschluchten herabrieseln lassen. Der echte Schnee ist seit Jahrzehnten aus der Region verschwunden; die Durchschnittstemperatur in dieser Heiligen Nacht liegt bei milden 16 Grad.
Elias saß in seinem Apartment im 142. Stockwerk und beobachtete, wie eine Lieferdrohne mit leisem Summen am Fenster vorbeizog. Er berührte das Bedienfeld an seinem Handgelenk, und die Wand seines Wohnzimmers verwandelte sich in ein virtuelles Fenster, das eine verschneite Waldlandschaft aus dem Jahr 1950 zeigte – inklusive des Knisterns eines Kamins, das man nicht nur hören, sondern durch gezielte Schallwellen auch als leichte Vibration im Brustkorb spüren konnte.
„Synthetisches Weihnachtsmenü wird in drei Minuten materialisiert“, verkündete eine sanfte, KI-generierte Stimme.
Elias seufzte. In der Welt von 2094 war Weihnachten ein hocheffizientes Fest der Algorithmen. Die Geschenke für seine Familie, die über den gesamten Globus und zwei Mars-Kolonien verteilt war, hatte seine persönliche KI „Aura“ bereits vor Wochen ausgewählt, basierend auf deren Dopamin-Profilen und Neuro-Scans. Die Pakete waren längst per Hyperloop zugestellt worden.
Er aktivierte den Holo-Link. Sofort erschienen drei lebensgroße Projektionen in seinem Raum: Seine Schwester Clara aus der Luna-Basis, sein Vater aus dem schwimmenden Stadtviertel von New York und seine Nichte Maya, die gerade ihr Auslandssemester in der „Cloud-City“ über der Venus absolvierte.
„Fröhliche Weihnachten!“, riefen sie fast synchron. Die Latenzzeit war dank Quantenverschränkung gleich null. Es fühlte sich an, als stünden sie im selben Raum. Doch als Elias versuchte, Maya zur Begrüßung die Hand zu geben, glitten seine Finger nur durch flimmerndes Licht.
„Hast du die Algen-Gans probiert, Elias?“, fragte sein Vater und hielt ein täuschend echt aussehendes Stück Fleisch in die Kamera, das im 3D-Drucker seiner Küche entstanden war. „Aura sagt, die Textur ist zu 98 % identisch mit biologischem Geflügel.“
Sie sprachen über die Arbeit, über die neuesten Updates für ihre Neuro-Implantate und über die Ticketpreise für das nächste Shuttle zum Mond. Es war ein perfektes Gespräch. Zu perfekt. Jeder Satz war höflich, jede Emotion durch die automatischen Stimmungsfilter der Kommunikationssoftware geglättet. Wenn jemand traurig oder einsam war, korrigierte die Software die Mimik des Hologramms in Echtzeit, um das „Fest der Liebe“ nicht zu stören.
Nach einer Stunde beendete Elias die Verbindung. Die Projektionen erloschen, und die Stille in seinem Apartment fühlte sich plötzlich schwerer an als zuvor. Er sah auf den kleinen, physischen Gegenstand, der auf seinem Tisch lag: Ein alter, abgewetzter Lederband – ein echtes Buch aus Papier, das er in einem Antiquariat im „Analogen Viertel“ gefunden hatte.
Er schaltete die KI-Stimme stumm und deaktivierte die virtuelle Waldlandschaft. Die kahlen, weißen Wände seines Apartments kamen zum Vorschein. Dann tat er etwas, das im Jahr 2094 fast als exzentrisch galt: Er öffnete das Fenster.
Die warme, metallisch riechende Luft der Stadt strömte herein. Das Rauschen der Magnetschwebebahnen und das ferne Summen der Klimakonverter waren die Musik dieser neuen Welt. Elias schaute hinunter auf die Stadt. Dort unten, in den Schatten der riesigen Türme, brannten echte Feuer. Es war die Zone der „Abgeschalteten“ – Menschen, die sich weigerten, ihre Leben vollständig von Algorithmen steuern zu lassen.
Elias nahm seinen Mantel und verließ das Apartment. Er fuhr nicht mit dem Express-Lift, der ihn in Sekunden nach unten katapultiert hätte, sondern nutzte die Nottreppen – ein Relikt aus einer Zeit, in der man noch Muskelkraft brauchte.
Unten angekommen, war die Welt eine andere. Hier gab es keine Hologramme. Die Menschen trugen dicke Mäntel gegen den künstlichen Wind der Lüftungsschächte. An einer Straßenecke stand eine Gruppe von Leuten um eine brennende Mülltonne. Jemand spielte auf einer alten, verstimmten Gitarre.
Elias blieb stehen. Ein kleines Mädchen, vielleicht acht Jahre alt, sah ihn an. Sie hielt keinen Neuro-Link in der Hand, sondern einen einfachen, aus Draht gebastelten Stern.
„Frohe Weihnachten“, sagte sie. Ihre Stimme war nicht gefiltert. Er hörte das leichte Zittern darin, die Rauheit der kalten Luft.
Elias reichte ihr das alte Buch. „Für dich. Es sind Geschichten darin. Echte Geschichten.“
Das Mädchen nahm das Buch mit großen Augen entgegen. In diesem Moment begriff Elias, was in der glänzenden, perfekten Welt der 140. Stockwerke fehlte: Die Unvollkommenheit. Die Reibung. Das Risiko, traurig zu sein, und die daraus resultierende echte Freude über eine menschliche Geste.
Er kehrte nicht sofort in sein Apartment zurück. Er blieb bei den Menschen am Feuer. Sie teilten sich einen Becher mit echtem, bitterem Kaffee, der auf der Flamme erwärmt worden war. Es gab keine Datenübertragung, keine Optimierung der Weihnachtsstimmung. Nur das Knistern des Feuers und das Gefühl von Wolle auf der Haut.
Als Elias später in der Nacht wieder in seinem Bett lag, ließ er die KI ausgeschaltet. Er starrte an die Decke und sah das echte Blinken eines Satelliten durch das Fenster, der langsam über den Himmel zog. Er wusste, dass die Technologie die Welt gerettet hatte – den Hunger, die Krankheiten, die Einsamkeit der Distanz. Aber in dieser Nacht hatte er gelernt, dass die Seele von Weihnachten nicht in der Perfektion der Simulation lag, sondern in den kleinen, analogen Momenten, die man nicht programmieren kann.
Draußen in Neo-Berlin schalteten die Werbebanner auf den Neujahrsmodus um, doch in Elias’ Kopf klang noch immer die verstimmte Gitarre nach. Und zum ersten Mal seit Jahren fühlte sich Weihnachten nicht mehr wie ein Update an, sondern wie ein Anfang.


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