Das Leuchten zwischen den Zweigen: Das Abenteuer im Winterwald
Das Leuchten zwischen den Zweigen: Das Abenteuer im Winterwald
Der Morgen des dritten Adventssamstags im Jahr 2025 begann so, wie man es sich in einem Bilderbuch vorstellt: Eine hauchdünne Schicht aus Neuschnee hatte die Stadt in Puderzucker getaucht, und die Fenster der Familie Wagner waren am Rand leicht mit Eisblumen verziert. Für die zehnjährige Sophie und ihren siebenjährigen Bruder Jonas gab es kein Halten mehr. Schon beim Frühstück, zwischen dampfendem Kakao und frisch gebackenen Weckmännern, klapperten sie mit ihren Gabeln.
„Heute ist es so weit, oder?“, fragte Jonas mit großen Augen. „Heute holen wir ihn aus der Wildnis!“
Vater Erik lachte und klopfte sich auf die Oberschenkel. „Nicht nur aus der Wildnis, Jonas. Wir müssen ihn uns verdienen. Die Säge ist geschärft, die Thermoskanne ist gefüllt. Packt euch warm ein, wir fahren zur alten Forstschonung am Silberberg.“
Das „Weihnachtsbaum-Selbst-Schlagen“ war in der Familie Wagner eine heilige Tradition, die jedoch jedes Jahr aufs Neue von einer Prise Chaos begleitet wurde. Mutter Lena suchte noch verzweifelt nach dem zweiten Paar wasserfester Handschuhe für Sophie, während Erik im Keller die alte Bügelsäge suchte und dabei lautstark ein Weihnachtslied vor sich hin summte, das eher nach einem Brummbären klang.
Schließlich saßen alle im Auto. Die Fahrt dauerte kaum zwanzig Minuten, doch für die Kinder fühlte es sich an wie eine Expedition zum Nordpol. Als sie den Parkplatz am Waldrand erreichten, empfing sie die würzige, kalte Luft der Tannen. Der Forstwart, ein gemütlicher Mann mit einem Bart, der fast so weiß war wie der Schnee, winkte ihnen zu. „Sucht euch einen schönen aus, aber streitet euch nicht!“, rief er ihnen schmunzelnd hinterher.
Mit der Säge über der Schulter wie ein echter Waldarbeiter marschierte Erik voran. Lena trug den Rucksack mit den Vorräten, und die Kinder rannten voraus, ihre Stiefel hinterließen tiefe Spuren im unberührten Weiß.
„Hier! Der hier!“, rief Sophie nach wenigen Minuten und deutete auf eine kleine, etwas zerzauste Fichte.
„Viel zu klein!“, entgegnete Jonas fachmännisch. „Da passen ja nur drei Kugeln drauf. Wir brauchen einen Riesen!“
„Einen Riesen kriegen wir nicht ins Wohnzimmer, Jonas“, erinnerte ihn Lena lachend. „Wir brauchen einen Baum, der stolz ist, aber uns nicht das Dach abdeckt.“
Die Suche wurde zu einem regelrechten Wettbewerb. Jedes Mal, wenn sie tiefer in die Schonung eindrangen, entdeckte jemand ein neues Prachtexemplar. Sie stapften durch kniehohe Schneewehen, duckten sich unter tief hängenden Ästen hindurch, die beim Berühren eine Ladung Schnee auf ihre Mützen entluden, und kicherten unaufhörlich.
Plötzlich geschah es: Erik wollte eine Abkürzung über einen kleinen Wall nehmen, übersah jedoch eine glatte Wurzel unter dem Schnee. Mit einem langen „Woooooah!“ rutschte er aus, die Arme ruderten wie Windmühlenflügel in der Luft, und er landete mit einem dumpfen Plopp rücklings in einem riesigen Schneehaufen. Einen Moment lang war es totenstill. Dann prustete Jonas los, und kurz darauf bog sich die ganze Familie vor Lachen.
Erik lag da, die Mütze über die Augen gerutscht, und sah aus wie ein umgekippter Käfer. „Alles Absicht!“, rief er trocken. „Ich wollte nur die Bodenbeschaffenheit prüfen. Sehr weich hier!“ Er griff in den Schnee, formte blitzschnell einen Ball und warf ihn leicht in Jonas’ Richtung. Das war der Startschuss für eine spontane Schneeballschlacht mitten zwischen den Tannen. Sophie verschanzte sich hinter einer dichten Blaufichte, während Lena und Jonas eine Allianz bildeten, um den „Schneekönig“ Erik zu stürzen. Das Lachen hallte durch den stillen Wald, und für einen Moment gab es keinen Zeitdruck, keine Einkaufslisten und keinen Vorweihnachtsstress.
Als sie schließlich außer Atem und mit glühenden Wangen innehielten, standen sie plötzlich vor ihr: der perfekten Nordmanntanne. Sie war etwa zwei Meter hoch, perfekt gewachsen, mit tiefgrünen, weichen Nadeln, die im schrägen Sonnenlicht fast silbern schimmerten.
„Das ist er“, sagte Sophie leise. „Er hat auf uns gewartet.“
Jetzt kam der feierliche Teil. Erik kniete sich in den Schnee. „Komm her, Jonas. Pack mit an.“ Jonas durfte das Ende der Säge mit anfassen. Gemeinsam setzten sie am Stamm an. Das metallische Ritsch-Ratsch, Ritsch-Ratsch der Säge war das einzige Geräusch im Wald. Sophie und Lena hielten die oberen Zweige fest, damit der Baum nicht unkontrolliert zur Seite kippte. Es dauerte nicht lange, da spürten sie den Widerstand nachgeben. Mit einem letzten Knacken war es geschafft.
„Wir haben ihn!“, jubelte Jonas und stemmte die kleine Faust in die Luft.
Bevor sie den Rückweg antraten, machten sie es sich auf einem umgefallenen Baumstamm gemütlich. Lena holte die Thermoskanne hervor. Der Dampf des heißen Apfelpunsches kräuselte sich in der kalten Luft. Es gab dazu selbstgebackene Lebkuchen, die nach Nelken und Honig schmeckten. In diesem Moment, umgeben von der Stille der Natur und der Wärme der Familie, fühlte sich Weihnachten ganz nah an.
Der Rücktransport zum Auto war ein weiteres Abenteuer. Da sie keinen Schlitten dabei hatten, funktionierten sie Erik zur „Zugmaschine“ um. Er packte den Baum am Stamm, Jonas und Sophie hielten sich an den unteren Ästen fest und ließen sich über den glatten Schnee ziehen. Es war ein Bild voller Freude – eine Prozession des Glücks durch den Winterwald.
Als der Baum schließlich sicher auf dem Autodach verzurrt war, war die Sonne bereits dabei, tiefer zu sinken und den Himmel in ein zartes Rosa und Violett zu tauchen. Die Kinder waren erschöpft, aber ihre Augen leuchteten heller als jede Lichterkette.
Zuhause angekommen, wurde der Baum sofort im Wohnzimmer aufgestellt. Der Duft von frischem Harz füllte augenblicklich das ganze Haus. Während Lena die ersten Kisten mit dem Christbaumschmuck aus dem Schrank holte, betrachtete Erik sein Werk.
„Er steht ein bisschen schief, Papa“, bemerkte Sophie kritisch.
Erik trat einen Schritt zurück, legte den Kopf schief und grinste. „Das ist kein Schiefstand, Sophie. Das ist Charakter. Das erinnert uns daran, dass wir heute im Schnee getanzt haben.“
An diesem Abend saßen sie noch lange zusammen. Der Baum war noch nicht geschmückt, er stand einfach pur und kräftig in der Mitte des Raumes. Doch für die Wagners war er bereits der schönste Baum der Welt. Denn in seinen Zweigen hingen keine gläsernen Kugeln, sondern die unsichtbaren, goldenen Fäden eines gemeinsamen Tages, den sie nie vergessen würden. Das Abenteuer im Wald hatte ihnen gezeigt, dass das größte Geschenk nicht unter dem Baum liegt, sondern in dem Moment steckt, in dem man ihn gemeinsam findet.


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