Das Echo der Weinberge: Ein Sonntag in Unterheimbach
Der Nebel des frühen Morgens war längst den sanften Sonnenstrahlen gewichen, die nun das Brettachtal in ein warmes, herbstliches Gold tauchten. In Unterheimbach, einem der malerischen Ortsteile von Bretzfeld, herrschte jene friedliche Stille, die man nur an einem Sonntag im Spätherbst findet. Für Familie Wagner – Vater Thomas, Mutter Sabine und die zehnjährige Mia – war dies der perfekte Tag, um die heimischen Pfade zu erkunden.
„Heute gehen wir nicht einfach nur spazieren“, verkündete Thomas, während er sich die Wanderschuhe schnürte. „Heute machen wir die große Runde über die Weinberge bis hoch zum Waldrand.“ Mia verdrehte spielerisch die Augen, doch ein Lächeln stahl sich auf ihre Lippen. Sie liebte die Gegend rund um ihr Dorf, auch wenn sie es vor ihren Schulfreunden in Öhringen nie so offen zugeben würde.
Der Spaziergang begann im Herzen von Unterheimbach. Die historischen Fachwerkhäuser, die sich eng an die Hauptstraße schmiegten, wirkten wie aus einer anderen Zeit. Sabine blieb kurz vor der Kirche stehen. „Schaut euch diese Details an“, sagte sie und deutete auf die kunstvollen Schnitzereien im Gebälk eines alten Hofes. In Bretzfeld, das oft als das „Tor zum Hohenloher Land“ bezeichnet wird, ist die Geschichte an jeder Ecke greifbar.
Sie ließen die letzten Häuser hinter sich und folgten dem asphaltierten Wirtschaftsweg, der steil in die Weinberge hinaufreichte. Die Reben waren bereits weitgehend abgeerntet, doch das Laub leuchtete in allen Schattierungen von Zitronengelb bis zu einem tiefen Purpurrot. Die Luft war klar und kühl, durchsetzt mit dem erdigen Duft von feuchtem Laub und dem süßlichen Aroma überreifer Trauben, die von den Erntehelfern übersehen worden waren.
„Wusstet ihr, dass hier schon seit Jahrhunderten Wein angebaut wird?“, fragte Thomas, der Hobby-Historiker der Familie. Er zeigte auf die Trockenmauern, die die steileren Hänge stützten. „Diese Steine wurden von Hand geschichtet, ohne Mörtel. Sie bieten Lebensraum für Eidechsen und seltene Pflanzen.“ Mia bückte sich sofort und suchte die Fugen ab, in der Hoffnung, einen der kleinen Sonnenbeter zu entdecken, doch die Echsen hatten sich bereits in ihre Winterquartiere zurückgezogen.
Nach etwa zwanzig Minuten strammen Aufstiegs erreichten sie eine der Aussichtsplattformen. Von hier oben bot sich ein Panorama, das jedes Mal aufs Neue den Atem raubte. Unterheimbach lag eingebettet im Tal wie ein Spielzeugdorf. In der Ferne konnte man die Türme von Schloss Mainhardt erahnen und die sanften Wellen der Keuperberge des Naturparks Schwäbisch-Fränkischer Wald zeichneten sich gegen den blauen Himmel ab.
„Es ist so friedlich hier“, flüsterte Sabine. Sie setzten sich auf eine hölzerne Bank, die von der Gemeinde Bretzfeld für Wanderer aufgestellt worden war. Thomas holte drei Äpfel aus seinem Rucksack – natürlich regionale Früchte von einer der vielen Streuobstwiesen, für die das Hohenloher Land berühmt ist. Das Knacken beim Hineinbeißen war das einzige Geräusch in der Stille der Weinberge.
„Guckt mal, da unten ist unser Haus!“, rief Mia und zeigte begeistert in das Dorfzentrum. „Und da hinten ist der Sportplatz!“ Es war dieser Moment der Verbundenheit, der solche Familienausflüge so wertvoll machte. Weg vom Bildschirm, weg von den Hausaufgaben, einfach nur präsent sein in der Landschaft, die sie ihre Heimat nannten.
Der Weg führte sie weiter entlang der Hangkante, wo der Weinberg langsam in den dichten Mischwald überging. Hier veränderte sich die Atmosphäre schlagartig. Das goldene Licht wurde durch das dichte Blätterdach gefiltert und wirkte nun smaragdgrün. Der Boden unter ihren Füßen wurde weicher, gepolstert durch Moos und herabgefallene Nadeln.
„Hört ihr das?“, fragte Sabine leise. In der Ferne klopfte ein Specht rhythmisch gegen einen hohlen Stamm. Mia entdeckte eine Gruppe von Pilzen, die wie kleine Schirme aus dem Waldboden ragten. „Sind das Steinpilze?“, wollte sie wissen. Thomas schüttelte den Kopf. „Lieber nicht anfassen, Mia. Wir lassen die Natur so, wie sie ist. Wir sind hier nur Gäste.“
Sie folgten einem schmalen Pfad, der sie zurück in Richtung Tal führte. Dieser Teil der Strecke war schattiger und etwas abenteuerlicher. Ein kleiner Bach, gespeist von den Quellen des Keupers, plätscherte neben dem Weg. Mia sprang über die Steine und suchte nach interessanten Kieseln, während Thomas und Sabine Arm in Arm hinterhergingen.
„Man vergisst im Alltag oft, wie schön wir es hier eigentlich haben“, sagte Sabine nachdenklich. „Man muss nicht weit wegfahren, um Ruhe zu finden. Bretzfeld bietet alles, was man braucht.“ Thomas nickte zustimmend. „Und das Beste ist, dass man die Jahreszeiten hier so intensiv miterlebt. Vom Austrieb der Reben im Frühjahr bis zum ersten Frost im Winter.“
Als sie den Rand des Waldes erreichten, öffnete sich der Blick wieder auf die weiten Felder. Die Sonne stand nun tiefer und warf lange Schatten über die Landschaft. Sie passierten einige alte Obstbäume, deren Äste schwer von späten Mostäpfeln hingen. In Unterheimbach angekommen, spürten sie die angenehme Müdigkeit in ihren Beinen – das gute Gefühl, sich an der frischen Luft bewegt zu haben.
Der Rückweg durch das Dorf führte sie an der Kelter vorbei. Ein paar Nachbarn standen davor und hielten einen kurzen Plausch. In einer Gemeinde wie Bretzfeld kennt man sich noch, grüßt sich und tauscht ein paar freundliche Worte aus.
„Gibt es heute Abend heißen Kakao?“, fragte Mia, als sie das heimische Gartentor erreichten.
„Mit Sahne“, versprach Sabine und strich ihrer Tochter über das Haar.
Der Spaziergang um Unterheimbach war mehr als nur eine körperliche Betätigung. Er war eine Erinnerung daran, dass Heimat kein Ort auf der Landkarte ist, sondern ein Gefühl von Geborgenheit, das man mit den Menschen teilt, die man liebt. Während die Sonne langsam hinter den Hügeln von Bretzfeld versank und das Dorf in ein sanftes Dämmerlicht tauchte, wussten die Wagners, dass dies nicht ihr letzter Ausflug auf die Höhen über dem Brettachtal gewesen war. Die Weinberge würden auch im nächsten Jahr wieder in Gold erstrahlen, und sie würden dort sein, um es gemeinsam zu erleben.


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