Angeln im Dezember am Main

Der 15. Dezember 2025 bricht über Eltmann mit einer Stille an, die nur der Winter kennt. Ein feiner Silberreif hat sich über die Fachwerkhäuser der Altstadt gelegt, und hoch oben auf dem Schlossberg thront die Wallburg, das Wahrzeichen der Stadt, wie ein versteinerter Wächter im Morgengrauen. Der markante Turm, im Volksmund „Krautstücht“ genannt, verschwindet immer wieder in den dichten Nebelschwaden, die träge vom Main aufsteigen.

Ich stehe am Ufer, unterhalb der alten Mainbrücke. Hier, wo der Fluss eine sanfte Kurve macht und die Strömung auf die Steinpackungen der Buhnen trifft, ist das Wasser tief und ruhig – ein klassischer Wintereinstand für die „Stachelritter“. Die Luft ist so kalt, dass jeder Atemzug wie eine kleine Wolke vor meinem Gesicht stehen bleibt. Das Schilf am Rand knistert bei jeder Bewegung, als bestünde es aus dünnem Glas.
Mein Ziel heute ist der Zander. Im Dezember fahren die Fische ihren Stoffwechsel herunter; sie jagen nicht mehr aktiv im Mittelwasser, sondern kleben förmlich am Grund des Mains. Ich montiere einen zehn Zentimeter langen Gummifisch in einem grellen Neongelb. In der trüben, sedimentreichen Winterbrühe des Flusses ist dies die einzige Farbe, die noch genügend Kontrast bietet.

Der erste Auswurf. Das Blei schlägt mit einem dumpfen Gefühl auf dem sandigen Boden auf. Ich führe den Köder in Zeitlupe. „Faulenzen“ nennen wir Angler das: Zwei vorsichtige Kurbelumdrehungen, dann die Rute stillhalten und darauf warten, dass der Köder an gestraffter Schnur wieder auf den Grund sinkt. Es ist ein Spiel der Geduld. Die Finger in den abgeschnittenen Handschuhen werden langsam gefühllos, und das Eis beginnt, die obersten Ringe meiner Rute zuzusetzen.
Gegen Mittag reißt die Wolkendecke für einen kurzen Moment auf. Das schwache Sonnenlicht spiegelt sich auf der Wasseroberfläche und lässt die Wallburg in einem fahlen Gold erstrahlen. Es ist friedlich hier am Main-Kilometer 368. Ein Kormoran taucht ein Stück flussabwärts auf, schüttelt das Wasser von den Flügeln und starrt mich misstrauisch an.

Plötzlich, mitten in der Absinkphase, passiert es. Kein zaghaftes Zupfen, sondern ein harter, trockener Schlag, der bis in den Korkgriff der Rute vibriert. Der klassische „Tock“. Mein Reflex ist schneller als der Gedanke: Ein kurzer, kräftiger Anhieb nach oben. Die Rute biegt sich sofort zum Halbkreis.
„Da ist er“, flüstere ich gegen den Frost an.
Der Fisch kämpft schwerfällig, nutzt sein Gewicht in der Strömung aus. Es gibt keine schnellen Fluchten wie im Sommer, nur ein dumpfes, rhythmisches Schlagen. Nach wenigen Minuten durchbricht eine bullige Rückenflosse mit harten Stacheln die Oberfläche. Ein prächtiger Zander, etwa 70 Zentimeter lang, mit jenen charakteristischen, gläsernen Augen, die im Winterlicht fast wie Opale leuchten.
Vorsichtig führe ich ihn über den Kescher. Sein Schuppenkleid schimmert in dunklem Gold und Moosgrün – perfekt getarnt für den Main-Grund. Nach einem kurzen Moment des Staunens und dem Lösen des Hakens darf der Fisch zurück in die Tiefe. Ein kräftiger Schlag mit der Schwanzflosse, und er verschwindet in den dunklen Fluten.
Als die Dämmerung bereits um 16 Uhr wieder über Eltmann hereinbricht, packe ich zusammen. Der Nebel kriecht zurück auf die Wiesen, und die Lichter der Stadt beginnen eins nach dem anderen zu leuchten. Ich nehme einen letzten Schluck heißen Tee aus der Thermoskanne und blicke hinauf zur Wallburg. Die Kälte spüre ich nicht mehr – der „Tock“ wirkt noch immer wie eine innere Heizung nach. Ein erfolgreicher Tag am Main geht zu Ende.

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